Mittwoch, 6. März 2013

"Wenn alles bleiben soll, wie es ist, ..."

Ein Beitrag von Dr. Stefan Paulus (Universität Augsburg)


„Il Gattopardo“ (Der Leopard)

Frankreich/Italien, 1963, 183 min. – Regie: Luchino Visconti – Drehbuch: Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Enrico Medioli, Massimo Franciosa (nach dem Roman „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomaso di Lampedusa – Produzent: Goffredo Lombardo – Musik: Nino Rota (unter Verwendung von Themen von Giuseppe Verdi) – Kamera: Giuseppe Rotunno – Schnitt: Mario Serandrei – Darsteller: Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Rina Morelli, Paolo Stoppa, Romolo Valli, Lucilla Morlacchi, Mario Girotti i.e. Terence Hill. 


Ein Fürst, ein Graf und ein Ozelot

Luchino Viscontis preisgekrönter Historienfilm „Il Gattopardo“ (1963) spielt in den Jahren 1860 bis 1862 während einer der bedeutendsten Phasen der italienischen Einigungsbewegung, dem Risorgimento (Wiederaufleben).[1] Die filmische Handlung des „Gattopardo“ basiert auf Giuseppe Tomasi di Lampedusas gleichnamigen, zwischen 1954 und 1957 verfassten Roman. In diesem Schlüsselwerk der modernen italienischen Literatur schildert Lampedusa in acht Kapiteln den langsamen Untergang des fiktiven sizilianischen Adelsgeschlechts der Salina von der Eroberung Siziliens durch Garibaldi und der Gründung des Königreichs Italien um 1860 bis zum Mai 1910.[2]

Wappen der Familie Tomasi di Lampedusa (Pardelkatze)
Public Domain, Quelle: Wikimedia Commons
Der einzige Roman des 1896 in Palermo geborenen Schriftstellers aus altem sizilianischem Adel trägt deutlich autobiographische Züge. Tomasi di Lampedusa, Herzog von Palma (Palma di Montechiaro, auf sizilian. Parma di Muntichiaru oder Donnafugata) und Fürst von Lampedusa, bezog sich in der Ereignisabfolge und Personenkonstellation des „Gattopardo“ im wesentlichen auf die Geschichte des traditionsreichen und ehedem mächtigen Hauses Lampedusa, das seit den 1920er Jahren zunehmend in eine wirtschaftliche Existenzkrise geriet.[3] Als Vorbild für den Hauptprotagonisten des Romans Don Fabrizio, Fürst von Salina, diente der Urgroßvater des Autors. Gleiches gilt für den namensgebenden Gattopardo (Gattopard oder Pardelkatze, die bekannteste Art ist der Ozelot), das Wappentier der Lampedusa und des fiktiven Hauses Salina.[4] Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg reiste der studierte Jurist Giuseppe Tomasi durch Europa, amtierte 1944 kurzzeitig als Präsident des italienischen Roten Kreuzes und lebte in relativ bescheidenen, eher bürgerlichen Verhältnissen von seinem Erbe in Palermo und Rom, wo er am 23. Juli 1957 an den Folgen eines Lungentumors starb.[5] Sein Roman „Il Gattopardo“, für den Lampedusa zu Lebzeiten keinen Verlag fand, erschien ein Jahr nach seinem Tod im renommierten Mailänder Verlagshaus Feltrinelli und avancierte sofort nach dem Erscheinen zum Bestseller. 1959 erhielt Lampedusa für den „Gattopardo“ posthum den Premio Strega, den bedeutendsten italienischen Literaturpreis.[6]

Donnerstag, 3. Mai 2012

"That agony is our triumph"

Ein Beitrag von Kristian Buchna M.A., Augsburg


Sacco e Vanzetti – I./F. 1971
Regie: Giuliano Montaldo - Musik: Ennio Morricone - Texte und Gesang: Joan Baez - Darsteller:  Gian Maria Volontè, Riccardo Cucciolla, Geoffrey Keen, Milo O’Shea, Cyril Cusack.


Americans who believe in isolation and non-interference in European affairs would be surprised if they could visit Paris at this time. They would find that America was as much isolated as a queen bee in full swarm with every worker and drone humming around her.
New York Times, 7. August 1927

Für Anhänger des in Amerika vielfach beschworenen „Nicht-Einmischungsprinzips“ müssen es wahrhaft schwere Zeiten gewesen sein, drohte dieses doch gleich von zwei Seiten durchlöchert zu werden: Einerseits erwies sich der Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 als ein point of no return; der geradezu sprunghafte Aufstieg zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht war mit überkommenen isolationistischen Bestrebungen unvereinbar. Begünstigt und forciert durch eine unaufhaltsam voranschreitende Massenmedialisierung gerieten andererseits aber auch innere Entwicklungen der neuen Großmacht zunehmend in den Fokus einer interessierten, kritischen Weltöffentlichkeit. Im August 1927 erreichte das globale Interesse an einer auf den ersten Blick innenpolitischen Angelegenheit der USA, nämlich der bevorstehenden Hinrichtung zweier wegen Raubmordes zum Tode verurteilter italienischer Einwanderer, ein bis dato ungekanntes Ausmaß – keineswegs nur in Paris, wo zum Schutz der amerikanischen Botschaft sogar Panzer zum Einsatz kamen. Das Spektrum der „Anteilnahme“ war breit: Petitionen, Gnadengesuche, Massendemonstrationen (vgl. die  externe Gallerie) mit z. T. über 100.000 Teilnehmern, Generalstreiks, Boykotte amerikanischer Waren oder Häfen, Verbrennungen von US-Flaggen, Hungerstreiks politischer Gefangener, tätliche Übergriffe auf amerikanische Einrichtungen, Bombenattentate oder -drohungen gegen US-Botschaften und Konsulate. Als geographisches Zentrum jenes Protestes lässt sich zwar unschwer Mittel- und Westeuropa ausmachen, doch von Skandinavien bis Südafrika, von Argentinien bis Japan, von Marokko bis Griechenland, von Kuba bis Rumänien gab es kaum ein Land, in dem sich nicht auf diese oder jene Weise Proteste regten. Die 1920er Jahre waren sicherlich nicht eben arm an Demonstrationen und Streiks – als vermutlich erster globaler, zeitgleich sich vollziehender Massenprotest dürfte die Bewegung gegen die Hinrichtung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti jedoch in Qualität und Quantität alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt haben.1

Protest in London, 1921, anonymer Fotograf, Quelle: Wikimedia (Public Domain)

Dienstag, 29. September 2009

Ikone des sowjetischen Revolutionsfilms

Ein Beitrag von Dr. Andreas Zellhuber, Augsburg


"Panzerkreuzer Potemkin" – UdSSR 1925
Russ.: „Bronenossez Potjomkin“ – SW, stumm mit russ. Zwischentiteln, 63 min., restaurierte Fassung (Deutsche Kinemathek): 70 min. – Regie und Schnitt: Sergei Eisenstein – Drehbuch: Nina Agadschanowa, Sergei Eisenstein, Sergei Tretjakov und Nikolai Aseiev, nach einer Vorlage von Alexander J. Newski – Film-Musik: Edmund Meisel / Pet Shop Boys u.a. – Kamera: Eduard Tisse und Wladimir Popow – Darsteller: Aleksandr Antonow (Wakulintschuk) u.a.

Der Film „Panzerkreuzer Potemkin“ des russischen Regisseurs Sergei Eisenstein war eine Auftragsarbeit. Am 17. März 1925 beschloss die Jubiläumskommission der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, das Hauptschauspiel zum feierlichen Gedenken an die revolutionären Geschehnisse des Jahres 1905 solle die Aufführung eines Films sein, flankiert von Reden und mit Orchesterbegleitung. Anfang April legte der Parteihistoriker Alexander J. Newski ein Typoskript der wichtigsten Ereignisse von 1905 vor. Basierend auf Augenzeugenberichten schilderte Newski unter anderem den Aufstand der Matrosen auf dem Panzerkreuzer „Fürst Potemkin von Taurien“ am 14. und 15. Juni 1905 im Hafen von Odessa, berichtete über die Empörung der Einwohner Odessas, die zum Hafen strömten, um sich mit den Matrosen zu solidarisieren, beschrieb schließlich die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes durch die zaristische Staatsmacht auf der Treppe zwischen Stadtzentrum und Hafen (Bild 1, Bild 2). Nachdem Nina Agadashnowa-Schutko, Partisanin des Bürgerkrieges und verdiente Parteifunktionärin, das Typoskript zu einem Drehbuch umgearbeitet hatte, begannen noch im Juni die Vorbereitungen der Dreharbeiten. Diese wurden im August aufgenommen und im November 1925 beendet.

Donnerstag, 21. Mai 2009

„Gnade Gott meinen Feinden, ich will sie erbarmungslos zertreten.“

Ein Beitrag von Dr. Markus Seemann, Augsburg/Aurich


„Carl Peters“ – D 1940/41
Deutschland, 1940/41, 121 min. – Regie: Herbert Selpin – Drehbuch: Ernst von Salomon, Walter Zerlett-Olfenius, Herbert Selpin – Produktion: Bavaria Filmkunst – Musik: Franz Doelle – Kamera: Franz Koch – Darsteller: Hans Albers, Karl Dannemann, Fritz Odemar.

Der Film „Carl Peters“ von Herbert Selpin mit Hans Albers in der Hauptrolle von 1940/41 ist dem wohl prominentesten deutschen Kolonialpionier gewidmet. Auf der Ostseeinsel Rügen sowie in den Barrandow-Ateliers bei Prag wurde eine Szenerie erzeugt, in der, nicht zuletzt mit Hilfe von farbigen französischen Kriegsgefangenen als Komparsen, das 1918 verloren gegangene Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika für den Kinobesucher in neuem Glanz erstehen konnte. Der Film gibt Anlass für eine Annäherung an eine vieldeutige Persönlichkeit der deutschen Kolonialgeschichte. Schon für seine Zeitgenossen diente Carl Peters (Porträt) als Projektionsfläche, die verschiedenste Einordnungen zuließ. Der Film aus dem zweiten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs stellt ein spätes Beispiel nationalsozialistischer Kolonialpropaganda dar, Deshalb muss der Wahrheitsgehalt und die Quellenbasis des Films differenziert betrachtet werden: Ungenauigkeiten und Abweichungen vom realen Geschehen sind hier nicht nur als Ausdruck filmisch-künstlerischer Freiheit zu verstehen, sondern nähren der Verdacht bewusster Verfälschung der Geschichte zu politischen Zwecken.

Dienstag, 14. April 2009

„Terroism is useful as a start. But then, the people themselves must act“

Ein Beitrag von Dr. German Penzholz, Augsburg

„La battaglia di Algeri“ (Schlacht um Algier) – I/Alg 1966
Italien/Algerien, 1966, 121 min. – Regie: Gillo Pontecorvo – Drehbuch: Franco Solinas, Gillo Pontecorvo – Produzent: Antonio Musu, Saadi Yacef – Musik: Ennio Morricone, Gillo Pontecorvo – Kamera: Marcello Gatti – Schnitt: Mario Morra, Mario Serandei.
Darsteller: Brahim Haggiag, Jean Martin, Saadi Yacef, Ugo Paletti, Fusia El Kader.

Der politische Führer der algerischen Front de Libération Nationale (FLN), Larba Ben M´hidi, und der junge Kämpfer Ali la Pointe stehen gemeinsam auf der Dachterrasse eines „sicheren Hauses“ in der Kasbah – dem Altstadtviertel Algiers (Bilder)–und diskutieren ihre weitere Strategie. Außerhalb haben die französischen Truppen das Viertel nach zahlreichen Überfällen und Bombenattentaten der FLN auf die Polizei und auf französische Bürger abgeriegelt. Ben M´hidi zügelt den Tatendrang La Pointes, der weitere Anschläge verüben will, und weist auf die Komplexität eines Unabhängigkeitskampfes hin, an dem zwar am Beginn der Terrorismus stehe, der zu einem bewaffneten Aufstand, einer Revolution und dem Ende des Kolonialregimes führe. Dies sei aber erst der Anfang. Der schwierigste Teil käme nach dem Kampf mit dem Aufbau einer eigenen unabhängigen Gesellschaft.
Neben einer Anleitung zum Bombenbau und -einsatz, zur Ausführung von Feuerüberfällen und Hinterhalten – einem Leitfaden für den „Urban Warfare“ –, lieferte damit der Film auch einen ideologischen und politischen Grundriss für den Kampf gegen die „westlichen Imperialsysteme“. Dieser politische Hintergrund ließ „Schlacht um Algier“ zu einem Kultfilm in den ehemaligen Kolonien und für die westlichen „68er-Bewegungen“ werden. Die realistischen Szenen des Häuser- und Straßenkampfes machten ihn zugleich zum Lehrmaterial der „Black Panther“, der „Irish-Republican-Army“ (IRA), arabischer Terrorgruppen und sogar des Pentagon.
Eine Reduzierung des Films auf seine politischen Inhalte würde ihm aber nicht gerecht. „Schlacht um Algier“ ist ein Gesamtkunstwerk, in dem sich die Musik Ennio Morricones (Homepage), eine revolutionäre Kameraführung und die kompromisslose Regiearbeit Gillo Pontecorvos erfolgreich verbanden. Mit der Verleihung des „Goldenen Löwen“ bei den Filmfestspielen in Venedig 1966 für den besten Film erhielten der Film und sein Regisseur die gebührende Anerkennung.